Rund um die Geschichte

Pünktlich vor Weihnachten erhalte ich von einer Kollegin regelmässig Weihnachtspost – schon seit vielen Jahren. Damals, als Blauring-Mädchen, hat sie mich und die anderen mit ihrer Gitarre und der kräftigen, schönen Stimme in die Welt der Musik entführt. An lauen Sommerabenden, auf dem Schulhausplatz sitzend, haben wir zusammen gesungen. Das waren magische Momente für mich. Später haben wir zusammen in einem Gospelchor mitgewirkt. 

Die Weihnachtspost gehört zu meiner Weihnacht wie die Christbaumkugeln zum Tannenbaum. Bevor ich den Inhalt des Briefes erkunde weiss ich, dass mich eine spezielle Geschichte erwartet. 

Wie die meisten von uns habe auch ich während den Vorweihnachtstagen allerhand Wichtiges, Unwichtiges, Dringendes und nicht Dringendes zu erledigen. Mein Mann und ich sind uns jeweils nicht ganz einig, was nun in welche Kategorie gehört. Und bei meinen Kindern sieht das noch einmal ganz anders aus. Anyway. Ich nehme mir im ganzen vorweihnachtlichen Trubel ganz bewusst die Zeit, die Geschichte zu lesen. Sie gehört zur Kategorie „wichtig“. 

Das Märchen aus Korea, welches in diesem Jahr ausgewählt wurde, handelt von Soniri, dem Thronfolger. Die Geschichte gefällt mir sehr gut, weil sie dramaturgisch schön aufgebaut ist. Die Ehrlichkeit des Kindes wird beschenkt - ein Happy End!

Die Geschichte hat alles, was eine gute Geschichte ausmacht:

  • Sie hat einen Grund, erzählt zu werden.
  • Sie hat einen Helden und einen Konflikt.
  • Sie berührt unsere Gefühle.

Bausteine, die das Erzählen von Geschichten – das Storytelling – erfolgreich machen (Quelle: Petra Sammer, Storytelling).

Zusätzlich zur Geschichte waren im Briefumschlag auch winzige Sonnenblumen-Kernen zu finden. Ich habe mir fest vorgenommen, diese im Frühling anzupflanzen. 

Meine Kollegin ist keine Kommunikationsfachfrau. Sie hat es einfach im Blut, wirkungsvoll zu kommunizieren. Denn sie verbindet die Geschichten jeweils mit kleinen, symbolischen Geständen (Give Aways) und unterstützt damit die Botschaften mit einem Verstärker. Mit diesen kleinen Dingen involviert Sie ihre Freunde und Bekannten und animiert sie zu handeln. Genau so sollten wir kommunizieren, damit unsere Botschaften bei den Adressaten ankommen.


Soniri, der Thronfolger

Ein Märchen aus Korea

Es war einmal ein weiser, alter König, der sein kleines Königreich gerecht regierte. Seine Untertanen waren zufrieden, lebten in Ruhe und hatten ihr Auskommen. Den König aber quälten düstere Gedanken, und die Sorgenfalten auf seiner Stirn wurden immer tiefer. Es tat ihm leid, dass er keine Kinder hatte. Wem würde er die Königskrone und den Thron vererben? Wer würde sein so gut begonnenes Werk fortsetzen? Das war es, worüber sich der alte König den Kopf zerbrach.

"Nehmt doch einen klugen Knaben von vornehmer Abkunft an Kindesstatt an und erzieht ihn als Euren Sohn und Nachfolger", empfahlen seine Ratgeber. Der König aber zögerte. Von allen Seiten drängten ihm die Höflinge ihre Neffen oder Vetter auf, deren Fähigkeiten sie in den höchsten Tönen priesen. Wie aber sollte sich der König davon überzeugen, welcher von ihnen geeignet war, die Königskrone zu tragen? Nicht umsonst sagt ein altes Sprichwort: Durch das Fell kannst du dem Tiger nicht die Rippen zählen; was im Menschen steckt, kann man nicht sehen.

Eines war sicher - sein Nachfolger sollte weise und besonnen sein, aber vor allem wahrheitsliebend. 

Der König überlegte so lange, bis er eine Lösung wusste. Er rief die Kinder aus der ganzen Umgebung zu sich und gab jedem Knaben und jedem Mädchen einige Samen. Er sprach: "Legt diesen Samen in einen Blumentopf und betreut sie gut. Wer von euch die schönsten Blumen züchtet, den will ich als Sohn oder als Tochter annehmen."

Die Kinder liefen mit dem Samen nachhause. Sie pflanzten ihre Samen und jedes sah sich schon als Prinz oder Prinzessin im königlichen Palast. Auch Soniri, einer der Knaben, wollte sich nicht beschämen lassen. Er nahm einen grossen Blumentopf, legte vorsichtig die Samen in die feingesiebte Erde und begoss sie morgens und abends. Er widmete dem Blumentopf seine ganze Zeit und sein ganzes Herz. Er wartete ungeduldig auf die ersten zarten Blättchen - aber vergebens. Es verging eine Woche und noch viele Tage - im Blumentopf zeigte sich keine Veränderung. Weinend lief Soniri zu seiner Mutter, doch auch diese wusste keinen Rat. Er versuchte, die Samen umzusetzen, aber er half nichts. Die Samen wollten nicht aufgehen.

Endlich war der Tag angebrochen, an dem der König die Blumen besichtigen wollte. Schon im Morgengrauen hatten sich die Kinder auf der Strasse, die zum Palast führte, eingefunden. Jedes Kind war festlich gekleidet und umklammerte seinen Blumentopf. Es hatte sich viel Volk eingefunden, und alle warteten gespannt darauf, welche Blume in den Augen des Königs die schönste war. Zum Klang der Trommeln und Pfeifen bahnte die königliche Wache den Würdenträgern den Weg. An ihrer Spitze schritt der König und besichtigte aufmerksam jeden einzelnen Blumentopf.

Beide Seiten der Strasse waren mit wunderschönen Blumen gesäumt. Es war ein einzigartiger Anblick! Und ein leichter Wind trug den betäubenden Duft von tausenden Blüten in die Umgebung.

"Sehr nur, allergnädigster König, ist das nicht eine herrliche Blüte?", versuchten die Minister und Ratgeber die Aufmerksamkeit des Herrschers auf die eine oder andere Blume zu lenken.
Doch auf dem Antlitz des alten Königs breitete sich eine immer grössere Enttäuschung aus. Teilnahmslos sah er auf die schönsten Schöpfungen der Natur und das Ergebnis des Fleisses der kleinen Gärtner. Und die Sorgenfalten auf seiner Stirn wurden immer tiefer. Auf einmal aber fesselte etwas seinen Blick. An der Schwelle eines Hauses ganz am Ende der Strasse, sass ein kleiner Knabe und weinte. Auf dem Schoss hielt er einen grossen Blumentopf, in dem sich nichts als Erde befand. Der Knabe hiess Soniri.

"Führt ihn zu mir!" befahl der König. Als man Soniri zu ihm brachte, fragte er ihn streng: "Warum weinst du? Wieso ist dein Blumentopf leer?" Da erzählte Soniri dem König, wie sehr er sich bemüht habe, aus dem Samen eine Blume zu züchten. Aber alle Mühe sei umsonst gewesen - aus den seltenen Samen des Königs wolle nichts keimen. Vielleicht sei das die Strafe dafür, dass er im Garten des Nachbarn Äpfel gestohlen habe, schluchzte der Knabe.

Bei der Antwort Soniris erheiterte sich das Antlitz des Königs. Freudig zog er den Knaben an sich und sprach: Im ganzen Königreich gibt es keinen aufrichtigeren Knaben als Soniri. Er allein verdient es, mein Sohn und Thronfolger zu werden!"

Unter den Würdenträgern und in der Menge erhoben sich unzufriedene Stimmen: "Weshalb wollt Ihr einen Knaben an Kindesstatt annehmen, der nur einen leeren Blumentopf hat?"

"Hört mich an, Leute! Die Samen, die ich an die Kinder verteilte, habe ich vorher gekocht! Sie konnten also gar nicht aufgehen!"

Da verstanden die Würdenträger und alles Volk die Absicht des weisen Königs und sie nickten zustimmend.

Die Kinder mit den blühenden Blumen aber senkten die Augen und ihre Wangen brannten vor Scham. Freilich, auch bei ihnen waren die Samen nicht aufgegangen, aber aus Sehnsucht ein Prinz oder eine Prinzessin zu werden, hatten sie zu einem Betrug Zuflucht genommen und insgeheim die unfruchtbaren Samen mit anderen vertauscht.


Und zum Schluss

hoffe ich nun, dass meine Kollegin die Blumensamen nicht gekocht hat. 

Alles Gute fürs neue Jahr und frohe Festtage wünsche ich Ihnen. 

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